Optimierung im Wandel der Zeit
Die IVU setzt modernste Optimierungsalgorithmen ein und konnte in der Entwicklung dieser mathematischen Optimierungsverfahren auf die Expertise des renommierten Zuse-Instituts Berlin (ZIB) zurückgreifen. Damit gelingt es, in kurzer Zeit Dienst- und Umlaufpläne zu erstellen, die alle gesetzlichen und betrieblichen Anforderungen er füllen. Im Interview sprechen Dr. Andreas Löbel (IVU) und Prof. Dr. Ralf Borndörfer (FU Berlin und Zuse-Instut Berlin) über die Zukunft der Optimierung im Öffentlichen Verkehr.
Die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen IVU Traffic Technologies und dem Zuse-Institut Berlin bei der Entwicklung intelligenter Algorithmen für die Optimierung besteht nun schon seit vielen Jahren. Wie kam diese Kooperation ursprünglich zustande? Welche Themen standen zu Beginn im Mittelpunkt?
LÖBEL: Ralf und ich haben zusammen in Augsburg unter Prof. Martin Grötschel studiert. Uns hat schon immer interessiert, wie Mathematik die reale Welt beeinflussen und verbessern kann. Als Prof. Grötschel 1991 an das Zuse-Institut in Berlin wechselte, konzentrierte er sich dort auch auf den Verkehr. Nach Abschluss unserer Diplomarbeit folgten wir ihm 1992 ans Institut. Eine unserer ersten Aufgaben war die Entwicklung einer Umlaufplanung für den Telebus – ein Bussystem für bewegungseingeschränkte Personen in Berlin.
BORNDÖRFER: Unser Ziel war es von Anfang an, Algorithmen zu entwickeln, die den Öffentlichen Verkehr verbessern sollten. Dabei war es uns besonders wichtig, dass die Planungsergebnisse direkt anwendbar waren, ohne zusätzliche Anpassungen vornehmen zu müssen.
LÖBEL: Die IVU hatte damals einen Kunden mit sehr spezifischen Anforderungen an ein Optimierungssystem für die Umlaufplanung. Das war der Beginn unserer Zusammenarbeit und Entwicklung einer engen Partnerschaft, die nun seit rund 30 Jahren erfolgreich besteht. Auf den ersten Kunden folgten weitere Projekte, darunter auch Optimierungen für die Umlauf- und Dienstplanung für Bus- und Bahnkunden.
Wie haben sich die Anforderungen der Verkehrsunternehmen in den letzten 20 Jahren verändert?
LÖBEL: Im Laufe der Jahre hat sich der Fokus der Optimierung deutlich gewandelt. Früher lag das Hauptaugenmerk darauf, den Ressourceneinsatz zu reduzieren, um mit möglichst geringen Kosten den gleichen oder sogar besseren Output zu erzielen. Dabei ging es vor allem um die effizientere Nutzung von Fahrzeugen und Personal. Heute kommt mit dem Fachkräftemangel eine ganz neue Herausforderung hinzu: Die begrenzten Kapazitäten müssen so geplant werden, dass der Verkehr weiterhin stabil funktioniert und dem Fahrpersonal attraktive Dienste für eine langfristige Bindung bietet. Dieses Thema wird in den kommenden Jahren noch wichtiger werden, da viele Mit arbeitende in den Ruhestand gehen und es voraussichtlich schwierig wird, ausreichend Nachwuchskräfte zu rekrutieren.
BORNDÖFRER: Die Aufgabenstellungen sind komplexer geworden und die Anforderungen an die Optimierung wesentlich detaillierter. Anfang der 2000er haben wir mit der Umlaufoptimierung für Verkehrsbetriebe mit klassischen Dieselbussen begonnen. Die Komplexität hat mit der Optimierung von Eisenbahnunternehmen zugenommen und einen neuen Höhepunkt mit dem Einsatz von Elektrobussen erreicht.
Stichwort E-Mobilität auf der Straße: Was sind die Herausforderungen in der Optimierung von Elektrobussen?
LÖBEL: Die Umlaufplanung von Elektrobussen ist äußerst komplex. Im Gegensatz zu Dieselbussen, die vollgetankt starten, den ganzen Tag im Einsatz sind und erst am Abend ins Depot zurückkehren, müssen E-Busse häufiger zwischengeladen werden. Ihre Reichweite hängt von vielen Faktoren ab, wie dem Batteriezustand, den Witterungsbedingungen und der Auslastung des Fahrzeugs. Zunächst haben wir versucht, eines unserer bewährten Planungsverfahren anzupassen. Das funktionierte jedoch aus verschiedenen Gründen nicht. Schließlich konnten wir von an deren Problemstellungen rund um Dienste profitieren und so Algorithmen für eine optimale Umlaufplanung von E-Bussen entwickeln.
Wir leben im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz (KI) – provokant gefragt: Kann die KI die gesamte Optimierung übernehmen?
LÖBEL: Künstliche Intelligenz und Optimierung sollte man nicht als gegensätzlich sehen. Alle KI-Verfahren betreiben im Kern Optimierung, und umgekehrt kann KI auf eine umfassende Weise Informationen gewinnen, die man für eine Optimierung benötigt. Wenn die Frage ist, ob man mit einer einzigen Methode mühelos alle Probleme lösen kann, dann ist die Antwort allerdings nein, das geht nicht, “there is no free lunch”. Man muss nach wie vor die jeweils geeignete Methode verwenden. Aber mit KI erweitert sich das Spektrum des Möglichen. Man könnte beispielsweise für eine Fahrzeugumlaufplanung mit maschinellem Lernen eine sehr detaillierte Parametererfassung automatisiert durchführen. Die eigentliche Planung wird man aber weiterhin mit ganzzahliger Optimierung machen, um die gleiche Qualität der Ergebnisse zu erzielen.
BORNDÖRFER: Bei KI unterscheidet man normalerweise zwischen drei Bereichen: deskriptiv, prädiktiv und präskriptiv. Deskriptive KI analysiert Daten, um zu verstehen, was los ist. Prädiktive KI versucht, auf dieser Basis die Zukunft vorherzusagen. Präskriptive KI nutzt diese Informationen und Prognosen, um Entscheidungen zu treffen. Genau das macht auch die Optimierung. KI und Optimierung sind somit keine Gegensätze, sondern ergänzen sich.
Welche Themen werden aus Ihrer Sicht in den nächsten fünf bis zehn Jahren die Verkehrsbranche beschäftigen und wie kann die angewandte Mathematik hierbei unterstützen?
LÖBEL: In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird die Verkehrsbranche zunehmend von der Verfügbarkeit und Nutzung großer Datenmengen profitieren. Diese Daten ermöglichen es, den Planungshorizont erheblich zu erweitern. Während die Planung bisher – mit Ausnahme der Zugplanung – meist auf Tagesbasis erfolgt, werden mathematische Algorithmen bald in der Lage sein, eine zyklische, integrierte Umlauf- und Dienstplanung zu ermöglichen, beispielsweise für Elektrobusse, und das für einen gesamten Wochenzeitraum.
BORNDÖRFER: Zukünftig werden Vorhersagen in „wirklicher“ Echtzeit möglich sein, und das intermodal. Allerdings ist das nicht immer einfach. Nehmen wir das Beispiel eines Park & Ride-Terminals: Wenn ein bei der Abfahrt angezeigter freier Parkplatz bei der Ankunft nicht mehr verfügbar ist, führt das zu Frustration. Ähnliches gilt für den Nahverkehr, wenn etwa bei Störungen oder Großereignissen wie Fußballspielen, Vorschläge von Planungssystemen nicht nutzbar sind. Durch immer umfangreichere Daten und verbesserte Steuerungsmöglichkeiten werden wir in der Lage sein, Verkehrssysteme in Echtzeit besser zu kontrollieren und intermodal zu organisieren. Dies wird die Effizienz und Zuverlässigkeit des Verkehrs erheblich steigern.
Optimierung ist seit jeher ein Zusammenspiel von Algorithmik und Rechenleistung. Welche Chancen bieten Quantencomputer?
BORNDÖRFER: Quantencomputing ist ein faszinierendes Forschungsthema mit großem Potenzial. Für bestimmte Probleme existieren bereits Algorithmen, die auf Quantencomputern erheblich schneller laufen könnten. Allerdings stehen wir noch vor technischen Herausforderungen, wie der Fehleranfälligkeit und der Handhabung von Input und Output. Kurzfristig sollten wir im Verkehrsbereich keine „Quantensprünge“ erwarten, aber langfristig könnten Quantencomputer revolutionäre Möglichkeiten bieten. Es wird jedoch noch Jahre dauern, bis wir praktische Anwendungen sehen werden.
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